Einführung

Leben

Im Rahmen einer Forschungs- und Entwicklungsarbeit des Landes Thüringen und der Bauhaus-Universität Weimar habe ich an der Errichtung einer Kompostierungsanlage in der Hauptstadt Kambodschas mitgearbeitet. Meine damalige Tätigkeit in der Abfallwirtschaft in Phnom Penh (November 2000 bis Mai 2001) hat sehr intensive Eindrücke in mir hinterlassen und wirkt fort bis auf den heutigen Tag. Verantwortlich hierfür sind zu einem großen Teil die Menschen auf der Mülldeponie, die mich mit ihrem bescheidenen und freundlichen Wesen nachhaltig berührt haben.

Hintergrund
Nach dem langen, traumatischen Bürgerkrieg sieht sich Kambodscha einer Vielzahl von Problemen gegenüber, deren Bewältigung dem ganzen Land sehr schwer fällt. Zwar gibt das bescheidene Wirtschaftswachstum Anlass zu Hoffnung, leider profitieren davon längst nicht alle Bevölkerungsschichten. Einem großen Teil der Menschen eröffnet sich keine Möglichkeit aus dem Kreislauf von Armut, fehlender Ausbildung und fehlenden Einkommensmöglichkeiten zu entkommen.

Die größte Stadt des Landes, Phnom Penh, ist strukturell dem Druck nicht gewachsen, welche der rasante Bevölkerungszustrom auf ihre unzureichende und unangepasste Infrastruktur ausübt. Ein großes Problem sind schnell wachsende Abfallmengen, die von dem ineffizienten Abfallwirtschaftssystem oft nicht bewältigt werden können. Viele Abfälle sammeln sich so an Straßenecken, auf Brachflächen oder werden flugs in den Abwasserkanälen der Stadt "entsorgt". "Paradiesische Zustände!" möchte mancher Bundesbürger behaupten, die hohen Abfallgebühren in Deutschland beklagend. In Wahrheit sind diese sorglos "entsorgten" Abfälle ein Nährboden für Ungeziefer und die Verbreitung von Infektionskrankheiten, und verantwortlich für ein breites Spektrum zusätzlicher Belastungen für Bevölkerung und Umwelt.

Für eine Gruppe der ärmsten städtischen Bevölkerung bilden diese problematischen Abfälle die Grundlage für ihr tägliches Überleben. Sie werden als scavanger (engl.: Lumpensammler) oder wastepicker (engl.: Abfallsammler oder ugs.: Müllsammler) bezeichnet. (1)

Die Wastepicker durchsuchen die abgelagerten Abfälle nach recyclebaren Wertstoffen und brauchbaren Gegenständen und sammeln diese Stoffe, um sie an Wertstoffdepots in der Stadt zu verkaufen. Die Menschen schuften in Kambodscha tagtäglich unter der schwülen Hitze der Tropen. Der feuchte Gestank der faulenden Abfälle auf der Deponie und die Millionen von Fliegen rauben dem Besucher, der erstmalig die Deponie begeht, den Atem. Die Arbeitsbedingungen sind nicht nur menschenunwürdig, sondern extrem gesundheitsschädlich und gefährlich. Rauschwaden überziehen den Müllberg, die Deponie brennt an vielen Stellen offen und der intensive Qualm hängt sich in die Klamotten und lässt die Augen tränen. Kein schöner Ort zum Arbeiten und noch weniger zum Leben, doch genau das ist die Deponie für die Wastepicker: ihr Ort zum Leben und Arbeiten, der Ort wo Kinder zur Welt kommen, wo Alte sterben, wo Leid und bittere Armut die einzige Realität sind, aber auch ein Ort, wo ganz normal gelacht und gespielt wird, wo Jungs und Mädchen sich streiten und sich verlieben... Es benötigt allerdings eine gewisse Zeit der Beobachtung, bis man dies in dieser unschönen Szenerie erkennen kann... und bei mir dauerte es lange, bis ich das erkannt habe...

In Wahrheit war ich anfangs geschockt, als ich die Deponie in Phnom Penh zum ersten Mal betreten habe. Und ich habe mich geekelt, ich hatte Angst mich schmutzig zu machen, oder krank zu werden und ich habe Berührungen vermieden. Glücklicherweise war ich beruflich und menschlich gezwungen mich mit den Wastepickern zu beschäftigen und so kam es zu wunderbaren Begegnungen, vor allem mit den Kindern unter ihnen, die ich heute nicht mehr missen möchte.

Ich hoffe, wenigstens einen kleinen Teil zurückgeben zu können als "Dankeschön" für das, was sie mich gelehrt haben – und wenn es nur ein Erzählen ihrer Geschichten ist.

(1) Das Wort "scavenger" leitet sich von dem englischen Wort "to scavenge" ab, was auch "Aas fressen" bedeutet. Die Verwendung des Wortes in einer semantischen Verbindung mit Menschen lehne ich aus diesem Grund ab. In wissenschaftlichen Publikationen ist diese Bezeichnung für Wastepicker / Abfallsammler jedoch (leider) häufig anzutreffen. Nachfolgend wird also von "Wastepickern" bzw. "Müllsammlern" die Rede sein, da dieser Terminus die Tätigkeit der Menschen am treffendsten beschreibt.