Unterwegs als Wastepicker

Unterwegs als Wastepicker

In der Stadt
Natürlich konnte ich mich mit meiner Erfahrung auf der Deponie noch nicht zufrieden geben und wollte auch noch die andere Art und Weise des Müllsammelns kennen lernen, und zwar im Stadtgebiet von Phnom Penh.
Jeden Morgen hört man den weit verbreiteten Ruf "Hychai!" in den Strassen Phnom Penh’s, der den Bewohnern signalisiert, ihre Wertstoffe aus den Häusern zu bringen und sie an die Müllsammler zu verkaufen. Ein Teil der Wastepicker zieht mit Handkarren durch die Strassen und kauft mit geringem Kapital sortenreine Wertstoffe direkt von den Haushalten und Betrieben. Diese sortenreinen Wertstoffe können dann zu einem etwas höheren Preis an die Zwischenhändler weiter verkauft werden. So hat sich hier ohne Zutun der Verwaltung, rein aus der Not geboren ein Mülltrennsystem für Wertstoffe etabliert, frei nach dem Motto "Von Abfall zu Geld".
In der Stadt existieren eine Vielzahl unterschiedlicher Methoden des Müllsammelns parallel nebeneinander, die von der beschriebenen Art des Ankaufs der Wertstoffe bis hin zu den im Elend lebenden, obdachlosen Straßenkindern reicht, die Tag und Nacht in den Mülltüten nach Wertstoffen und Nahrung suchen.
Um also mein Bild des Wastepicker-Berufes zu vervollständigen, wähle ich die mittlere Stufe auf der Armutsskala und begleite eine junge Wertstoffsammlerin auf ihrer Tour durch die Stadt. Ich treffe sie im Wastepicker Development Center (WDPC) eines Morgens um 5:30 Uhr, wo sie bereits ungeduldig darauf wartet, ihre Arbeit beginnen zu können. Ihr Name ist Long Toiao. Sie ist alleinerziehende Mutter zweier Kinder, 32 Jahre alt und lebt in einer kleinen Hütte am Straßenrand, wie so viele Arme der städtischen Bevölkerung. Zu ihrer normalen Kleidung trägt sie einen Kroma und Plastiksandalen. Ich bin wie beim ersten Mal voll ausgestattet mit Arbeitsschuhen, Hut, Arbeitsschuhen, Arbeitshose und Fotoapparat. Long Toiao ist mindestens einen Kopf kleiner als ich und wirkt sehr schmächtig. Doch als sie mir, ihren Handkarren ziehend, davonläuft, habe ich ernste Schwierigkeiten ihr hinterher zukommen.
Es ist kühl so früh am morgen, doch bei dem Tempo, dass Long Toiao vorlegt, bin ich schnell durchgeschwitzt. Und während Long Toiao von Abfallhaufen zu Abfallhaufen um ihr Leben läuft, versuche ich das Tempo durch genaueres Untersuchen des Inhaltes der Mülltüten zu drosseln. Wir sammeln die gleichen Wertstoffe wie auf der Deponie, alles was wir sammeln landet auf dem Handkarren der sich lächerlich langsam zu füllen beginnt. Wir durchsuchen Mülltonnen und Abfallhaufen. Long Toiao verweilt nie lange, will immer weiter. Sie scheint einen übernatürlichen Instinkt entwickelt zu haben, der ihr sagt, welche Tüte es sich lohnt zu öffnen und welche nicht. Immer wieder stelle ich enttäuscht fest, dass es sich wirklich nicht lohnt auch nur stichprobenweise die Tüten zu öffnen, die sie unbeachtet liegen lässt.
Unterdessen erwacht um uns die Stadt in all ihrer Quirligkeit und Umtriebigkeit mit all den bunten Facetten des kambodschanischen Alltags. Scheinbar planlos ziehen wir unseren Karren durch die Stadt und passieren dabei so viele Orte, die Geschichten und Erinnerungen der vergangenen Monate in mir wachrufen, und ich frage mich, ob Long Toiao jemals diese Geschichten verstehen könnte, die ich keine 2 Schritte neben ihrem Arbeitsplatz – der Strasse – erlebt habe. Wir passieren das Büro, wo ich die ersten Tage gearbeitet habe, das Restaurant mit den Biermädchen, wo ich immer Angkor Bier getrunken habe, das Heart of Darkness, das die letzten Gäste wohl kurz vor unserer Ankunft rausgeworfen hat, das Guesthouse, wo Ebba mit ihrer Adoptivtochter gewohnt hat, der Bowlingclub, Unabhängigkeitsdenkmal, unsere Stammkneipe etc etc. Und dabei sind wir immer auf der Suche nach dem Wenigen, das sich in den Mülltonnen findet. Long Toiao’s Handkarren füllt sich langsam und wird immer schwerer und langsam erwacht in mir auch der Gentlemen, welcher der Dame die schwere Arbeit des Karrenziehens abnehmen will; besser spät als nie...
Längst habe ich mich zum kompletten Gespött der Stadtbevölkerung gemacht, die meist ungläubig lächelnd bis völlig entgeistert mit Fingern auf mich zeigt (eine Geste die in Kambodscha kulturell verpönt ist). Lustig jedoch sind vor allem die Motorradtaxifahrer, die angesichts einer Langnase (Weisser) mechanisch die Hand heben und dabei "Moto" rufen, um ihre Dienstleistung anzubieten und dann beinahe vom Moped fallen, als sie erstaunt feststellen, dass "Barang Hychai...?" , also ein Weißer Müll sammelt... ?
Unterdessen ziehe ich den Wagen. Als Long Toiao in die Strasse einbiegt in der ich wohne, beschleunige ich das Tempo und wechsle die Straßenseite, um den fragenden Blicken meiner Nachbarn auszuweichen. Als kleine Besonderheit finden wir neben einem Restaurant eine Vielzahl schön gebündelter, leerer Ölflaschen und einen Stapel Pappe. Ein Haufen kleiner Plastikflaschen und eine Neonröhre erschöpfen schließlich die Kapazität unseres Karrens und Long Toiao beschließt zum WPDC zurückzukehren. So ziehe ich den Wagen weiter, während sie die Sicherung der Ladung übernimmt. Es ist angenehm den Karren beim Ziehen nach hinten kippen zu lassen, da sich so die Arme wunderbar in die Griffe einhängen lassen und der Rücken sich entspannen kann.
Um 10:30 h beenden wir unsere Tour am Ausgangspunkt und haben dabei schätzungsweise 8 bis 10 km zurückgelegt. Im WPDC sortiert Long Toiao die Wertstoffe, bündelt oder trocknet sie, um sie für den Weiterverkauf aufzubereiten. Derweil sitze ich mit anderen Wastepickern am Boden und trenne den Stoff von fehlerhaften Schirmmützen, um ein Formteil aus Plastik herauszulösen. Schließlich lege ich mich erschöpft in eine Hängematte...
Für Long Toiao ist gerade mal die Hälfte des täglichen Arbeitpensums geschafft. Sie erledigt meist zwei Touren am Tag, eine vormittags und eine am Abend. Sie erzählt mir, daß sie am Tag durchschnittlich 11 Stunden arbeitet, von denen sie 9 Stunden für das Sammeln und noch mal 2 Stunden für das Aussortieren und den Verkauf der Wertstoffe aufwendet. Mit ihrem täglichen durchschnittlichen Einkommen von 8000 – 10000 Riel (umgerechnet 2 – 2,50 €) versorgt sie sich und ihre Kinder und finanziert den Kindern den Schulbesuch.
Während ich mich mit dem Gedanken anfreunde, nach Hause zu gehen und Mittagsschlaf zu halten, sehe ich Long Toiao von der Dusche des WDPC zurückkehren. Mit Erschrecken erkenne ich, dass sie den ganzen Vormittag über mehrere Schichten an Hemden und Shirts getragen haben muss, die jedem verborgen haben, wie abgemagert sie in Wirklichkeit ist.