Arbeiten

Leben

Wussten Sie eigentlich, dass Müllsammler in der "Internationalen Standardklassifikation der Berufe" (ISCO88) als eigene Gruppe 916 unter "Hilfsarbeitskräfte" aufgeführt sind?
 Der Allgemeinheit ist wenig bekannt von den Aktivitäten der Wastepicker und deren sozialen und wirtschaftlichen Lebensbedingungen.
Das Sammeln und der Verkauf von Wertstoffen bildet in vielen armen Ländern die Lebensgrundlage für einen Teil der armen Bevölkerung und lässt einen eigenen Wirtschaftszweig entstehen.

Wirtschaftliche Situation

Eine Untersuchung der täglichen Einkommen der Müllsammler in Phnom Penh zeigt, dass 64% von ihnen weniger als 1 € pro Tag mit ihrer Arbeit verdienen. Die zweitgrößte Einkommensgruppe verdient zwischen einem und 1,60 € pro Tag. Obwohl Kinder meist 8 und mehr Stunden am Tag arbeiten, verdienen sie wesentlich schlechter als Erwachsene und haben am Tag meist weniger als 1 € Einkommen. (1)
Das durchschnittliche monatliche Einkommen der meisten Wastepicker-Familien (74%) liegt bei weniger als 50 €. Wenn man bedenkt, dass in diesen Haushalten durchschnittlich über 5 Personen leben, bedeutet das ein monatliches Pro-Kopf-Einkommen von 9,20 €. Dieser Betrag liegt unter der für Kambodscha ermittelten Armutsgrenze von 11,50 € pro Monat. Zwei-drittel der Familien sind auf andere Familienmitglieder und Familien angewiesen, um ihr Einkommen zu ergänzen, z.B. durch Fabrikarbeiten, Gelegenheitsjobs oder "Mieterträge", was soviel heißt, wie eine kleine Kammer der eigenen Wellblechhütte an noch ärmere Zeitgenossen zu vermieten.
Je nach persönlicher Situation variieren die täglichen Arbeitsstunden, die ein Wastepicker leistet. Dreiviertel der befragten Wastepicker gaben an, pro Tag mindestens 8 bis 16 Stunden zu arbeiten. Wastepicker, die nachts arbeiten, erhoffen höhere Erträge erzielen zu können. Die Risikos, denen die Menschen bei der Nachtarbeit ausgesetzt sind, sind jedoch wesentlich größer: Verletzungsgefahr durch Schnitte, Bisswunden durch streunende Tiere sowie das erhöhte Risiko, Opfer eines Überfalls oder eines Gewaltverbrechens zu werden. Eine jahreszeitliche Änderung im Arbeitsablauf oder längere Ruhezeiten (Urlaub!) gibt es nicht, d.h. es wird das ganze Jahr über gearbeitet.

Zurückgelegte Distanzen pro Tag

Auf ihrer Suche nach verwertbaren Stoffen legen die Wastepicker in der Stadt während ihrer Arbeit mehr als 10 Kilometer am Tag zurück. Von den Kindern laufen über 80% täglich eine Strecke von mehr als 6 km. Eine Überprüfung dieser geschätzten Wegstrecken legt jedoch die Vermutung nahe, dass die meisten Personen weitaus größere Distanzen am Tag erlaufen als hier angegeben.
Da auf der Deponie die abgeladenen Abfälle direkt durchsucht werden, lassen sich für die dort arbeitenden Wastepicker diese Betrachtungen nicht anstellen.

Arbeitsschutz

Erinnern wir uns der sehr ungesunden, teils lebensfeindlichen Umweltbedingungen unter denen die Wastepicker arbeiten, so erscheint folgende Frage mehr als berechtigt:
"Was unternehmen Wastepicker, um sich vor toxischem Qualm, Staub, Gestank, Verletzungen, Krankheiten und Ungeziefer zu schützen, denen sie bei ihrer Arbeit ausgesetzt sind?"
Nun ehrlich gesagt – fast – gar nichts. Die extreme Armut, in der die Menschen leben, ist die Ursache für das völlige Fehlen angemessener Arbeitsschutzbekleidung. Nach eigenen Beobachtungen ist die Zahl der Menschen, die Handschuhe oder einen Mundschutz verwenden, äußerst gering. Nicht mal die Hälfte der Wastepicker verfügt über angemessenes Schuhwerk. Viele Kinder sind zudem barfuß im Müll unterwegs und somit erheblichen Verletzungen und einem extremen Krankheitsrisiko ausgesetzt.
Das hohe Erkrankungsrisiko verschlimmert nur die extrem schwierigen Lebensumstände der Wastepicker – ein Teufelskreis der Armut, den die Menschen aus eigener Kraft nicht mehr durchbrechen können.
Eines der größten Probleme, dem sich die Wastepicker nach eigenen Angaben ausgesetzt sehen, ist die Bedrohung durch andere Leute. Dieses Verhalten gegenüber den Wastepickern resultiert aus sozialen und rassistischen Vorurteilen der Bevölkerung. Kinder und junge Frauen sind permanent der Gefahr ausgesetzt, verschleppt zu werden und zu Kinderarbeit oder zu Prostitution gezwungen zu werden.

Marktwert der gesammelten Wertstoffe

In einer Studie wurden über 30 Stoffe identifiziert die einen Marktwert besitzen. Als wichtigste Stoffe sind hier zu nennen Glas, Eisen, Kupfer, Messing, Aluminium, Knochen, Plastik, Folien, Papier, Pappkarton etc., welche in Form von unterschiedlichen Gegenständen, z.B. Dosen, Flaschen, Verpackungen, Tüten, Kabel, Schrott usw., vorkommen. Die Depots, welche die gesammelten Wertstoffe von den Wastepickern entgegennehmen, sind im ganzen Stadtgebiet zu finden. Sie fungieren als Zwischenhändler auf dem Markt für recyclebare Stoffe. Die Wertstoffe werden hier aufgekauft, gelagert und für den Weitertransport, meist nach Thailand und Vietnam, primär aufbereitet, d.h. je nach Wertstoffart gereinigt, verdichtet, zerkleinert und demontiert. Außerdem vergeben die Sammeldepots kleinere Kredite an die Wastepicker – welche meist für den direkten Ankauf der Wertstoffe von den Haushalten genutzt werden – stellen Handkarren für die Sammlung zur Verfügung und binden somit die Wastepicker an sich. Eine Verwertung der Materialien findet in Kambodscha nur in geringem Umfang statt. In der Hauptsache werden Metalle für traditionelles Kochgeschirr, Werkzeuge u.a. wiederverwendet. Im Abfall gefundene Essensreste und Holz werden oft direkt von den Wastepickern verwendet.

Zusammenfassung

In Fachkreisen werden die Tätigkeiten der Wastepicker unter dem Begriff "informeller Abfallwirtschaftssektor" in eine wissenschaftliche Kategorie eingeordnet und somit als Teilbereich der Abfallwirtschaft verstanden. Oft endete mit der begrifflichen Erfassung die Beschäftigung der Abfallwirtschaft mit dem informellen Sektor und die ernsthafte Auseinandersetzung mit den dort arbeitenden Menschen unterblieb.
Den Prinzipien der Nachhaltigkeit folgend wird in jüngeren Projekten ganz bewusst auf die Einbeziehung der Wastepicker in Abfallwirtschaftskonzepte gesetzt und versucht, deren Lebensbedingungen nachhaltig zu verbessern.

(1) Die in diesem Zusammenhang genannten Zahlen beziehen sich auf verfügbare Daten aus dem Jahr 2001 und davor, wenn nicht anders angegeben (siehe auch das Literaturverzeichnis). Durch die intensive Tätigkeit einiger Hilfsorganisationen konnten einige Verhältnisse in den letzten Jahren verbessert werden. Aktuelle Zahlen sollten bei Interesse dort angefragt werden.